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Muskuläre Hypotonie im Säuglings- und Kindesalter erkennen und behandeln

von Christiane Seiler
aus der Zeitschrift «Ergotherapie & Rehabilitation», 11/05
Schulz-Kirchner Verlag.



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Einleitung

Muskulär hypotone, antriebsarme Kinder mit Entwicklungsverzögerungen und muskulär hypotone hyperkinetische Kinder stellen uns interdisziplinär vor viele Fragen. Ursachen, Symptome und der richtige Therapieansatz werden von verschiedenen Fachbereichen unterschiedlich gesehen. Die therapeutische Intervention innerhalb des Konzepts der Sensorischen Integrationstherapie nach J. Ayres schenkt dem Aufbau der ventralen Haltungskontrolle bisher wenig Beachtung. C. Seiler ergänzt daher die SI-Behandlung mit Elementen aus dem Bobath-Konzept und auf eigener Erfahrung basierender manueller Muskeltonusregulation.

Diagnostisch eindeutiger zu zuordnen ist die muskuläre Hypotonie als Begleitsymptom bei Chromosomenanomalien und zerebralen Bewegungsstörungen. Im Zusammenhang mit Risikofaktoren in der Schwangerschaft, Mehrlings- und Frühgeburten und bei familiärer Deprivation kann sie vorkommen. Bei vielen entwicklungsverzögerten Säuglingen, bei unruhigen Kleinkindern und Schulkindern fehlt die ausreichende Haltungskontrolle der Muskulatur, ohne dass sich eine ausreichende Erklärung dafür finden lässt.

Definition: Als Muskeltonus wird physiologisch die Grundaktivität der Muskulatur beim wachen Menschen in motorischer Ruhe bezeichnet.

Die fortwährende Modifizierung des Spannungszustandes der Skelettmuskulatur bei allen Körperhaltungen und Bewegungen ermöglicht die aufrechte Haltung des Menschen und seine motorischen Aktivitäten, kurz seine motorische Praxie. Bei Reduzierung und Verlust der Haltungskontrolle ist die Handlungsfähigkeit eingeschränkt, Dyspraxie, oder unmöglich, Apraxie. Diskrete Symptome für eine muskuläre Hypotonie sind mangelnde motorische Genauigkeit, Dysmetrie, und verminderte Geschicklichkeit, groß- und feinmotorische Koordinationsstörungen.

Ein Beispiel: Feinmotorische Tätigkeiten wie das Schreiben erfordern eine präzise Stabilisierung der rumpfnahen Schultermuskulatur. Die notwendige Haltungskontrolle müssen immer alle zur Aktivität geforderten Muskeln gleichzeitig leisten. Dazu gehören beim Schreiben die Stabilisierung der Muskulatur von Schulter-, Ellbogen- und Handgelenk. Der Stift wird zwischen drei Fingern fixiert, woran mindestens 10 kleine Fingergelenke beteiligt sind. Wenn ein Kind beim Schreiben unruhig sitzt, weil die Haltungskontrolle der Rumpfmuskulatur nicht ausreicht, so wird das Schriftbild in Folge des absinkenden Schultergelenkes mit mangelnder Armstabilisierung unleserlich ausfallen.

Die Skelettmuskulatur spezialisiert sich im ersten Lebensjahr auf zwei Funktionsarten:
Die zur Haltungskontrolle erforderliche Muskelfunktion, die dauernd gebraucht wird, arbeitet langsam und ausdauernd ohne schnelle Ermüdung der motorischen Zentren des ZNS. Dazu gehört die Rumpfmuskulatur. Man spricht wegen des Gehaltes an Myoglobin, Nährstoffen und Blutgefäßen von roter Muskulatur (aeroben Muskelfasern bei einer speziellen Färbung im Labor).(1)

Im ergotherapeutischen Sprachgebrauch bezeichnet man die Komponenten der Skelettmuskulatur nach dem Forschungsstand der 80er Jahre und Übersetzungen der Hypothesen von Jean Ayres aus dem U. S. amerikanischen:
  1. als tonische Muskelregulation
    die Haltungskontolle und statische Muskelarbeit bewirkt;
  2. als phasische Muskelregulation, die jeder Bewegung zur Grunde liegt.
Letztere bezieht sich auf die Bewegung aller Gliedmaßen und Körperteile. Komplexe zentral und peripher gesteuerte Regelkreise sorgen dafür, dass für jede Tätigkeit die richtige Muskelaktivität zur Verfügung steht. Die zum Bewegen erforderliche Muskelkontraktion ist von kürzerer Dauer wie die Haltungskontrolle. Bei der phasischen Komponente ermüden die motorischen Zentren im ZNS schneller. Weil die Farbe der Fasern mikroskopisch blassrot erscheint, spricht man von weißer Muskulatur, aneroben Fasern. Ein Beispiel ist der Schreibvorgang: Ohne ausdauernde Haltefunktion ist das Schriftbild ungenau bis unleserlich.

Die Aufspaltung der Fasertypen ist bei der Geburt noch nicht abgeschlossen, sondern entwickelt sich unter der Aktivierung durch das periphere Nervensystem. Nach etwa zwölf Monaten ist die kindliche Skelettmuskulatur mit den Faserverhältnissen der Muskulatur Erwachsener vergleichbar. Die Muskelfasern spezialisieren sich im Laufe des Lebens weiter entsprechend ihres Gebrauchs.(1)

Bei muskulärer Hypotonie ist die ausdauernde Haltungskontrolle der Skelettmuskulatur herabgesetzt. Die betroffenen Kinder sind nicht immer auf den ersten Blick entwicklungsverzögert. Viele können frühzeitig und schnell aber nicht ausdauernd laufen, nicht ruhig sitzen und stehen. Sie kompensieren die fehlende Haltungskontrolle durch ständige motorische Aktivität. Weil sie sich viel bewegen, fallen sie wegen ihrer mangelnden motorischen Impulskontrolle auf, mit der Folge, dass Eltern und Erziehungsberater die Ursache im Verhalten der Kinder, im Erziehungsstil und anderen Einflüssen suchen. Bei neurophysiologischer Betrachtungsweise findet man bei zahlreichen motorisch unruhigen, hyperkinetischen Kindern Regulationsstörungen ihrer muskulären Balance.

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